|
|
Bedürfnisse sterbender Menschen
kann man nicht einfach aufzählen, sondern man
muss genau hinterfragen und trotzdem gibt es Orientierungen, die helfen in der
Vielzahl ein wenig Ordnung rein zu bringen. Deshalb werden die sechs Grundbedürfnisse
in einer wichtigen, also keineswegs willkürlichen Reihenfolge benannt. Sie
bilden gewissermaßen eine Hierarchie, wobei die erstgenannten 3 die Grundlage
für die letztgenannten 3 sind; gelangt die Versorgung aber nicht bis zu
diesen letzten Bedürfnissen, wird der Mensch auf primitiver Ebene
festgehalten.
Bedürfnisse des Körpers: Es geht um einen möglichst geringen körperlichen Verfall, um Beherrschung der Ausscheidungsprozesse, Erhaltung des Atems und Freihaltung der Atemwege, das Bedürfnis nach ausreichendem Schlaf, Durststillung, Bedürfnis nach Anregung für die Sinne (Farben, Musik, Wärme u.a.), Linderung der Schmerzen, ausreichende und richtige Nahrung; es geht aber auch vielleicht um den Wunsch nach sexuellem Erleben des Sterbens, ebenso wie nach Möglichkeiten, die noch verbliebenen Fähigkeiten und Kräfte einzusetzen und zu nutzen. Der Respiratorpatient hat vor allem noch das Bedürfnis, die Möglichkeiten eines Aussetzens der Beatmung ausgeschlossen zu wissen, und er äußert dieses Bedürfnis vor allem körperlich mit Unruhe und Angst. Dieses ist das Basisbedürfnis, das zur Voraussetzung für alle Bedürfnisse wird. Bedürfnis nach Sicherheit: Es geht um einen möglichst hohen Grad des ÜBERLEBEN-Könnens, um die Verfügbarkeit von Personen im Notfall; der Patient möchte, daß die Welt gewissermaßen nicht unter Seinen Füßen auseinanderbricht, daß alle quälenden Fragen und Gedanken besonders zur Krankheit, zum Allgemeinbefinden und zum Sterben ehrlich beantwortet werden; er wünscht bis in die letzte Minute eine gute Versorgung, die Beibehaltung der Dinge, die ihm im Leben gehörten, die sein Leben ausmachten (z.B. die Ringe an der Hand, die persönliche Kleidung); er wünscht Schutz vor körperlichen Leiden, hofft, daß alles getan wird, was getan werden kann und daß zugleich nicht zuviel getan wird, möchte spüren, daß er in kompetenten Händen ist. Den Herzpatienten müssen wir z.B. schützen vor dem Miterleben fremden Sterbens, damit sein belastetes Herz wenigstens sein eigenes Sterben komplikationslos wird vollziehen können. Für derart mehr Sicherheit können technische Hilfsmittel ebenso hilfreich sein wie die Rationalisierung der Arbeit und die Einführung mobiler Dienste oder kompetenter Selbsthilfe. Bedürfnis nach Liebe: Es regt den Patienten an, zeigen zu wollen, daß er sich Sorgen macht, daß er Gefühle der Sorge und Zärtlichkeit mit anderen teilen und anderen mitteilen möchte; er will Freundschaften bis in den Tod hinein (und evtl. darüber hinaus) fortsetzen und möchte eine Geliebte, einen Geliebten haben, auch noch neue Beziehungen knüpfen, Liebe verschenken und sich geliebt fühlen; er verlangt Zuneigung, möchte die wirkliche Sorge des Personals spüren können und möchte sich von diesem akzeptiert fühlen, gleich was er tut. Der Körper ist sein primäres Organ der Liebe, wenn die Körpersinne eben als letzte schwinden; und die besten Personen der Liebe sind die Familienangehörigen und Freunde, aber oftmals müssen diese erst befähigt werden, ihre eigenen Qualen zu überwinden und ihre Liebe zu zeigen. Dazu bedarf es der Ehrlichkeit; wir dürfen von der Familie nicht verlangen und erwarten, unehrlich sein zu müssen. Die sozialen Kontakte der Liebe und Geborgenheit sind der Weg, Vereinsamung zu verhindern. Das Bedürfnis nach Achtung: Es gibt keine Patienten, die nicht noch Ziele hätten; und der sterbende Patient hat eines der bedeutsamen Ziele des Lebens; nämlich die Suche nach seinem eigenen Weg angesichts des Todes. Aber sein Bedürfnis nach Achtung verlangt, daß dieses Ziel auch be- und geachtet wird; all seine Handlungen und Gedanken möchte er als angemessen geltend wissen. Er möchte auch im Sterben eine wichtige Person sein, die Prestige und Status nicht verloren hat, die einen guten Ruf besitzt und mit diesem auch im Äußeren ein gutes An- und Aussehen (Kleidung, Frisur, Körperpflege u.a.); er möchte also gewürdigt werden und Anerkennung finden, u.a. als einer, der allen anderen seine Nähe zum Tode voraus hat, welche diese anderen eben erst noch finden müssen. Er ringt dabei um Unabhängigkeit und Freiheit, um Respekt als Person. Er möchte aber auch die Selbstachtung, die Beherrschung und Zuversicht nicht einbüßen. Deshalb ist der evtl. von ihm geäußerte Todeswille ernst zu nehmen (ohne daß ihm deshalb auch gleich nachgegeben werden müßte), darf es keine stationären Unterschiede zwischen den Genesenden, Heilbaren und den Unheilbaren, Sterbenden geben, auf deren Kosten möglicherweise den anderen in einem Krankenhaus oder Heim geholfen wird. Zudem muß wegen dieses Bedürfnisses die mitmenschliche Hackordnung weitgehend aufgehoben werden, an deren Ende ja oftmals der schwächste Patient steht. Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung: Der Patient möchte sich möglichst auch im Tode noch als Person voll entfalten können. Deshalb sucht er nach Übereinstimmung mit den Gefühlen anderer und benötigt zugleich ein Verständnis seiner gegenwärtigen Krise. Er will Verantwortung für sich selbst übernehmen, ringt um Sinnerfüllung dieses Lebensabschnittes, und er braucht dabei mindestens eine für ihn wichtige Person, welcher er seine Erlebnisse und Gefühle mitteilen kann, welcher er diese Gefühle auch spüren lassen darf. Dabei kämpft er um die volle Annahme seines nahenden Todes, um die persönliche Todesprägung. Er sucht nach Klärung und Bewertung seiner religiösen Überzeugungen, nach einem sicheren Gefühl des Friedens und der Erfüllung. Jedes Sterben ist als persönliches Sterben ein Produkt aus Wahrhaftigkeit und Individuation seitens der Helfer, sowie Entscheidungsfähigkeit über die Gestaltung des Sterbens und Todes auf Seiten des Patienten. Damit dieses aber möglich wird, muß die besondere Situation des einzelnen Krankheitsfalls weiter Beachtung finden, die z.B. beim Dialysepatienten in der Vermeidung zweifelhafter Lebensverlängerungen und falscher Erwartungen besteht. Das Bedürfnis nach Begegnung: Diese Selbstverwirklichungsskala hätte einen entscheidenden Fehler, wenn die Beachtung des menschlichen Strebens über sich hinaus fehlen würde, wie in den meisten diesbezüglichen Darstellungen. Schon daß in der Hierarchie der Bedürfnisse die Achtung höher bewertet wird als die Liebe muß sehr nachdenklich stimmen. Gerade der sterbende Mensch strebt ja aus sich heraus auf eine andere Existenzweise zu. Er will die Enge (Angst = Enge) seines Lebens sprengen, Einswerden mit der Menschheit, der Welt und Gott. Deshalb wenden sich Sterbende besonders stark ihrer Umwelt zu oder wirken fast dämonisch auf diese ein; sie treten aus den Fesseln von Raum und Zeit hinaus, entsenden Botschaften bis zu fernen Bekannten, lassen die Phantasie auch der dumpfesten Mitmenschen aufblitzen. In gewisser Weise stellen sich Sterbende auch der Verantwortung für die Lebenden in stellvertretenden Sterben und Leiden oder auch dadurch, daß sie Helfer werden ihrer hilflosen Helfer. Mit diesem Akt der Zuwendung zu den Lebenden sind sie dann integrierter Teil der Zukunft der Welt und Menschheit. |