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Der
bedürfnisorientierte
Sterbebeistand
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Wenn wir nun aus dieser Auflistung
erste Handlungsanweisungen ablesen
wollen, so ließen sich dem Sterbensrecht jeweils für die einzelnen Bedürfnisebenen
derartige Anregungen formulieren, wobei wir uns auf ein Hauptmerkmal des
jeweiligen Bedürfnisses beschränken wollen:
Körper-Bewältigung der Schmerzen
Dem Sterbenden möglichst die Schmerzen nehmen, aber Leid zulassen,
soweit er es braucht);
Schmerzen nicht nur lindern, sondern ihnen zuvorkommen und ggf. auch mit
dem Sterbenden gemeinsam zu ertragen versuchen;
Beschwerden nicht nur behandeln, sondern erträglich gestalten;
dem Sterbenden helfen, sich Schmerz, Trauer und den drohenden körperlichen
Tod anzueignen; der Körper als Freund, der sich verabschiedet;
den Klagen geduldig zuhören, ob aus ihnen vielleicht ein unmittelbarer
Hilferuf, eine Bitte um Interesse, ein Ausdruck innerlich akzeptierten
Sterbens herauszuhören ist.
Inkontinenz als schwächer werdenden Körper begreifen und die
seelischen Leiden behutsam aufgreifen;
auf den Körperrhythmus des Sterbenden Rücksicht nehmen
(Schlafgewohnheiten, Essenszeiten u.a.);
Jede Lageveränderung vorbereiten und beim Patienten verweilen, bis er
sich an die neue Lage gewöhnt hat;
jede Verlegung auf eine andere Station oder in einen anderen Raum möglichst
vermeiden oder mit Gespräch vorbereiten und begleiten.
Sicherheit-Erkennen der Ängste
Zulassen, daß sich Freude, Wut, Ängste, Furcht, Haß und Trauer
ausleben wollen;
Ängste auf ihre Ursachen prüfen und diese Ursachen beeinflussen, aber
dem Menschen die Kraft zur einen Furcht bewahren;
Gelegenheiten schaffen, daß der Patient über seine Gefühle offen
sprechen oder sie lebendig zeigen kann;
das Bekämpfen von Unruhe, Angst, Gesprächsbegehren,
Anwesenheitsverlangen mit Hilfe von Medikamenten oder Disziplinierungen
weitgehend ausschließen;
die Angst, als Persönlichkeit nicht ernst genommen zu werden, durch
Minderung der Krankheitszentrierung des pflegerischen Betrachtungsfeldes
nehmen;
berechtigte Angst in geborgene Angst wenden, also konkret beängstigende
Anlässe entfernen;
die Angst vor dem Alleinsein durch die gewohnte Schwester, emphatische,
Mitpatienten, Hospizgelneinschaft mildern;
Sicherheit geben, daß die Sterbestunde nicht allein erlebt werden muß
(Freundschaftsvertrag, Mit-Sein und Da-Sein)..
Liebe-Soziale Zärtlichkeit im
Dabeisein üben
Beim Sterbenden sein, ihn aber nicht mit der Liebe erdrücken;
zärtlich sein ohne Aufdringlichkeit;
sich bewußt sein, daß jeder Handgriff durch liebende Einfühlung
Bedeutung gewinnt (Waschen, Betten, Essen reichen u.a.);
stets objektiv (nicht subjektiv einseitig), aber niemals gefühllos sein
(z.B. Wahrheit aufdrängen);
verfügbar sein, soweit es eben geht; die Einschränkungen rechtzeitig
mitteilen;
die eigene Zeiteinteilung an der Zeit des Sterbenden orientieren (die
Zeit der Lebenden im Dienst der sterbenden Zeit);
künstliche Abstände abbauen, auch äußerlich nahe sein (z.B. nicht
Essen reichen mit ausgestrecktem Arm);
die Mitteilungen des Sterbenden über seine Erlebnisse und Gefühle
behutsam wahrnehmen und geduldig darauf eingehen;
dem Sterbenden Verbindungen über den Tod hinaus zusichern;
beachten, daß der Sterbende Liebe und Zärtlichkeit auch dann noch
erlebt, wenn er dies nicht mehr mitteilen kann;
Angehörige, Freunde Bekannte ins Sterben des Sterbenden einbeziehen
(tatsächlich oder durch die Erinnerung).
Achtung-Der Sterbende darf sich
anerkannt wissen
Versuchen, die charakteristische Persönlichkeit des Sterbenden zu
begreifen (Biographie, Gespräch, Beobachtung) und zu wahren (kleine
Marotten zugestehen u.a.);
den Sterbenden nie mit seinem Zustand, seiner Krankheit, seinen
Verwirrtheiten gleichsetzen;
Unabhängigkeit und Selbstachtung nicht in Mißkredit bringen (z.B.
Beachtung der Intimität bei der alltäglichen Hygiene);
äußersten Respekt erkennen lassen bis in die Sprache (Duzen);
Sonderwünsche akzeptieren und weitgehend erfüllen (z.B. beim Betten,
bei der Nahrung, auch Alkoholgenuß);
das adrette, gute Aussehen ermöglichen (Kleidung, Haare, Kosmetik,
Schmuck u.a.);
den Sterbenden nicht anders behandeln als den Lebendigen (Fortsetzung
der Normalität in abnormer Situation).
Selbstverwirklichung-Persönliche
Todesprägung ermöglichen
Den Sterbenden noch kleine Verantwortungen für sich und für andere
Menschen übernehmen lassen;
den Sinnfragen nicht ausweichen, sondern sie in ihrem ganzen
Spannungsbogen wirken lassen, ernst nehmen;
zurückdrängen jeglicher Hierarchien am Sterbebett (z.B. Vorbehalte für
Ärzte oder Seelsorger); der Sterbende lenkt und leitet diese
Lebensphase und bestimmt, wer ihm wie zu seiner Wahrheit verhilft;
mit Gesprächen und Gefühlen beruhigen, nicht mit Medikamenten;
den Sterbenden über seine Veränderung reden lassen, so gut er es
vermag;
Mithilfe bei der Ordnung der letzten Dinge (persönliche Beziehungen,
Testament, letzter Wille, Erinnerungen);
Wahrhaftigkeit üben durch Dosierung der Wahrheit, der Wahl des rechten
Zeitpunktes, der rechten Form, des rechten Ortes; meine Informationen
und diagnostischen Kenntnisse von der Wahrheit des Menschen
unterscheiden; Wahrheit braucht Einbettung in die Liebe;
respektieren, wenn der Kranke über seinen Zustand schweigen will;
Stille als Raum lebendigen Sterbens.
Begegnung-Den Sterbenden über sich
hinausschreiten lassen
Durch eigene Bereitschaft, den Sterbenden loszulassen, ihm helfen, sich
selbst loszulassen;
Ekstase wahrnehmen und erlauben, denn Ekstase ist eine Form der Selbstüberschreitung
des Menschen auf dem Weg zu den ganz anderen Dingen und zu Gott;
sich vom Sterbenden bei der Hilfe und im Beistand helfen lassen,
zulassen, daß der Sterbende von seinem Sterben mehr weiß und kann als
alle beruflichen Helfer zusammen;
dem Menschen zugestehen, daß sein Sterben Bedeutung hat, weil mit ihm
geschieht, was der ganzen Menschheit als Ziel bestimmt ist, sich nicht
zu genügen, sondern zu überschreiten;
mit der Sprache der Sterbenden die Grenzen der Kultur und Zeit überwinden;
Symbole, Musik, Farben, Zärtlichkeiten, Lachen, Weinen usw. sind immer
und überall verständlich;
singen, beten, streicheln, küssen, stützen, anwesend sein, schweigen,
still sein, denken, träumen.
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